Shortreview – „Das erweiterte Museum“ (München /Berlin 2019)

Das hier ist keine wissenschaftliche Rezension – und soll es auch gar nicht sein, aber: Zum Nachgang der diesjährigen Tagung der Landesstelle zum Thema „Das erweiterte Museum“ #bymt19 – Anfang Juli in Neumarkt in der Oberpfalz – war ich auf die druckfrische Publikation der Landesstelle gespannt.

Die Tagung war selbst ein kleines Meet&Greet in Sachen „digitaler Musentempel“ und im deutschsprachigem Raum ist wahrscheinlich (sehr subjektive Wertung) nur noch die #Maitagung in NRW auf Augenhöhe.

Zum Buch selbst: In acht Themenbereichen führen uns die Autoren im großen Ritt durch alles, was man als digitalen – Wandel – Transformation oder – E-Culture im Museum beschreiben kann.

Der Bogen wird aufgemacht von der digitalen Online-Sammlungsdatenbank über die Besucherinnenanwendungen, Kommunikationsräumen im Internet (von der homepage über den Newsletter bis zur social-media-Nutzung) über die realen Medienstationen bis zum digital Storytelling und darüberhinausgehende Techniks wie VR und KI und Chatboteinsatz.

Schön ist, dass der Book-User sich so einen prinzipiellen Eindruck über das was geht – und eben auch nicht geht – verschaffen kann. Ganz prinzipiell und das springt einem immer wieder entgegen: Digitale Anwendungsfelder sind nicht autonom und ohne Konzept zu verwenden, Technologien sollten in einem Kontext genutzt werden, um effektiv mit Ihnen und zielgerichtet (nutzerorientiert!) zu arbeiten – was ganz generell gilt – gilt eben auch in der Museumsbranche:

Immer schön in eine Gesamtdigitalisierungsstrategie (was ein Wort …) einbetten – dann macht das Digitale auch Sinn, oder: „In keinem Fall bedeutet der digitale Ansatz automatisch eine bessere Vermittlung.“ (S. 83)

Denn: Unter „Digitalisierung“ kann alles verstanden werden, vom Prozess des Einsatzes computergenerierter Techniken über die Präsenzen in den Social-Media-Kanälen bis hin zum Scannen analoger Kulturgüter für die Datenbanken. Dieses Spektrum möglichst umfassend abzubilden scheint Intention des ca. 150 Seiten umfassenden Werkes mit einer breiten (Praxisexperten-) Autorenschaft.

Was gut geht: Sind die Teile in denen digitale Technologien und Ansätze kurz und klar definiert werden. Man ist fix in der Lage alles nachzuschlagen. Ausgewogen werden Praxisprobleme, aktuelle Diskussionen oder technische Grenzen nicht ausgespart.

Ob ich persönlich jetzt einem Newsletter- und Emailmarketing so viel Relevanz geben würde?! – sei erstmal dahingestellt – die jahrelange Praxis des Emailadressensammelns machen es eben für den Museumsbetrieb relevant. Aber: Die Webseite als Zentralmedium zu propagieren („Aushängeschild“ S. 40), Socialmedia „nur“ als Trafficgenerator (S. 48) zu verstehen und diesen dann wiederum ein eigenes Kapitel Raum zu geben ( 3. Soziale Medien – im offenen Dialog mit dem Publikum S. 60 ff.) – scheint mir zumindest etwas widersprüchlich.

Nun denn, der digitalen Kommunikation Raum geben – das kann erstmal kein Fehler sein. Angemerkt sei hier nur: Die Kapitel sind hier eher als Einstieg ins Medium bzw. auf die jeweiligen Plattformen zu sehen. Differenzierungen und aktuelle Entwicklungen finden man in den bekannten, auch für das Kapitel reichlich zitierten Blogs, wie z.B. bei mus.er.me.ku, Kulturkonsorten etc. aus der Süddeutschen Bloggossphäre.

Wie jedes Themenfeld lädt das Kapitel mit zahlreichen Infografiken und offenen Fragen zum praxisnahen Umgang (Welche Plattform will ich nutzen? Was will ich erreichen? Welche Kapazitäten habe ich?) – zur Reflektion und eben Einbettung in eine museale Gesamt-Digitalstrategie (nochmal Wortungeheuer …) ein.

Was mich wundert? Dass trotz der Devise „mobile first“ und obwohl vorhandener Expertise um das Team der Landesstelle (fabulAPP) das Thema Multimedia-Apps vergleichsweise wenig Raum findet.

Offensichtlich bzw. berufsgebunden 😉 sehe ich in der App persönlich hier die meisten Potentiale was Kommunikation, Orientierung, Vermittlungsmöglichkeiten, Augmentierung oder Shareability angeht – also kurz: Die Vision digitaler Besucherinnenanwendung schlechthin mithilfe von Apps als selbstverständlicher (unterstützender) Teil des Museumsbesuches. Wobei ich folgender Analyse: „Nach einem anfänglichen Boom der Technologie bleibt die Anzahl erfolgreicher Anwendungen bis heute überschaubar.“ (S. 91) doch (mit kleineren Einschränkungen) zustimmen möchte.

Aber: Nur weil nicht überall vernünftig konzipiert, programmiert oder in Wartungsverträge investiert wurde, heißt das nicht, dass zukunftsweisende Ansätze zu vernachlässigen sind – und wurden sie hier nicht – auch in der vorliegenden Publikation nicht. Etwas mehr Ausführlichkeit z.B. beim Thema App-CMS, App-Marketing oder Progressive-Web-App etc. hätte den Ausführungen dennoch nicht geschadet. Der aktuelle Stand ist eben gerade im Digitalen nicht lange der Stand.

Ähnliches gilt für andere zukunftsträchtige Anwendungen, die im Buch im Potpourri „7. Erweiterte Darstellung“ behandelt werden. Die Beispiele aus der Museumswelt sind z.T. über fünf Jahre alt – und damit im Kontext des technisch inzwischen Machbaren (Man vergleiche einfach mal hier auf Linkedin, was international so unter dem Hashtag #augmentedreality täglich durchkommt) – schlicht veraltet.

Von daher ist wohl folgender Satz zum Thema Einsatz von AR/VR im Museum: „Die Liste der Museen, die bereits mit der neuen Technik arbeiten, ist bemerkenswert.“ (S. 127) ein echter Euphemismus – die angeführten ca. 10 Projekte sind eher bei den großen (finanzstarken) Häusern angesiedelt und wie gesagt, haben selbst schon einige Jahre auf dem digitalen Buckel. Das Thema der realen Einsatzszenarien bzw. -schwierigkeiten (Besuchereinweisung, wenig Nutzerinnenfluss, Personalquote, Wartungsintensivität etc., etc.) wurden leider ebenfalls charmant verschwiegen.

Das Kapitel ist wohl eher intentional zu lesen: Von Augmented Reality bis zum Chatbot – vieles ist im ersten Besucherinneneinsatz – nur Mut! – es gibt mehr als nur Homepages und Museumsdatenbanken. Für mehr sollte man sich wohl weiterführend mit museum-4.0 oder (im Austausch) mit den Dienstleistern aus der digitalen (Museums-)Branche auseinandersetzen.

Um das Shortreview dann auch kurz zu halten: Die Landesstelle hat es geschafft, den in der Museumsbranche relevanten Teil der digitalen Transformation in sinnvollen Kapiteln eine Papierform zu geben – (mit technischen Stand Frühsommer 2019 und Fokus auf Süddeutschland). Sehr deutlich fließen Aspekte der praktischen digitalen Arbeit des Museumsalltags mit ein. Dass die Publikation an sich zum Thema erscheint ist ein (hoffnungsvolles) Zeichen, der Relevanz dieser Thematik im musealen Arbeitsgefüge. Damit ist man im Süden definitv weiter als in anderen Museumslandschaften Deutschlands.

Wer nicht Gelegenheit hatte, an den entsprechenden Tagungen und Events der bayrischen Landesstelle teilzunehmen, den sei neben der Lektüre des „erweiterten Museum“ die Blogs und Spezialpublikationen (alle zu finden als Verweise im Buch) ans Herz gelegt.

Für Praktiker des musealen Schaffens, gehört vorliegender Band, zumindest als Übersicht und Vertiefungsansatz wohl als Pflichtlektüre auf den Schreibtisch – egal ob auf Seiten der Museen oder der spezialisierten Dienstleister.

Ich persönlich betrachte es als ergänzende Lektüre und Motivation für eine ständig weiter zu führenden Diskussion um „Digitales und Museum.“ – die mit dieser Publikation einen weiteren Markstein erhalten hat.

Zum Buch gern hier lang – ISBN: 978-3-422-07436-1

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